Maria Brigadeiro goes to Washington

Sie sind klein, rund und in ihrer traditionellen Zubereitungsart mit Schokoladenstreuseln umhüllt: Brigadeiros werden sie genannt, nach dem brasilianischen Präsidentschaftskandidaten Brigadeiro (Brigadegeneral) Eduardo Gomes, der 1945 gegen Eurico Gaspar Dutra antrat.

Eifrige Wahlkämpferinnen verkauften die in den 1940er Jahren kreierten und noch heute in einigen südlichen Bundesstaaten als Negrinhos bekannten süßen Kugeln, um Mittel für den Wahlkampf des attraktiven Junggesellen einzutreiben, der dieser süßen Köstlichkeit sehr zugetan war.

 

Auch wenn sich die “Docihno do Brigadeiro”, die mit dem Slogan “Vote no brigadeiro que é bonito e solteiro” („Wählt den Brigadegeneral, der ist schön und alleinstehend“) angepriesen wurden, großer Beliebtheit erfreuen, konnte Gomes die Stimmen der Wähler nicht auf sich vereinigen, auch nicht als er 1950 gegen Getúlio Vargas ins Rennen ging. Doch die nach ihm benannte Süßigkeit, die jeden brasilianischen Kindergeburtstag bestimmt, macht ihn unsterblich.

 

Heute sind die kleinen Kugeln längst nicht nur der Renner auf Kindergeburtstagen. Spätestens seit sich die Journalistin Juliana Motter den Brigadeiros verschrieben hat, ist die Süßigkeit salonfähig geworden.

 

Bereits im Alter von sechs Jahren wurde sie von ihrer Großmutter, die über profunde Kenntnisse im Konditoreiwesen verfügte, in die Zubereitung eingeführt.

Begeistert produzierte das junge Mädchen, das ob seiner Leidenschaft für die kleinen Kugeln den Spitznamen Maria Brigadeiro erhielt, die traditionelle Süßspeise und brachte sie zu Kindergeburtstagen mit, bis sie eines Tages einen Großauftrag erhielt: Für einen besonderen Anlass sollte sie ganze 1000 Brigadeiros produzieren.

 

Mit der Hilfe von Freunden nahm sie sich dieses ersten Großauftrags, der nicht ganz leicht zu stemmen war, an, denn die anwesenden Kinder konnten den frisch hergestellten Brigadeiros nicht widerstehen, so dass Juliana nicht die vereinbarte Menge ausliefern konnte. Durch eine glückliche Fügung habe dies niemand bemerkt, erzählt mir die Journalistenkollegin, die wenig später den Entschluss fasste, ihre Karriere als Food-Journalistin an den Nagel zu hängen, um fortan hauptberuflich Brigadeiros zu produzieren.

 

2007 richtete Motter ein Atelier ein, 2010 eröffnete sie ein bezauberndes Geschäft in der Rua Capote Valente, 68 in Pinheiros (Tel.: 11-3085-3687, www.mariabrigadeiro.com.br).

 

Hinter einem Sichtfenster stellen emsige weibliche Pâtissiers in weißen Kochjacken und charmanten Kochmützen die verführerischen Kugeln auf den Punkt her. Diese Produktionsweise ist eines der Geheimnisse der Erfinderin von rund 40 verschiedenen Bridageiros, die aus hochwertigsten natürlichen Zutaten bestehen.

Neben gezuckerter Kondensmilch (das Produkt ist deutlich dickflüssiger und farblich etwas dunkler als Kondensmilch ohne Zuckerzusatz und ist in Deutschland sowohl in Dosen und als auch in Tuben erhältlich, beispielsweise unter dem Markennamen „Milchmädchen“), der Grundlage jedweden brasilianischen Brigadeiros, verwendet Motter französische Butter und ihre eigene Schokoladenmischung.

Zucker wird keinem einzigen der Gourmet Brigadeiros zugesetzt. Umhüllt werden die kleinen Kugeln mit den köstlichsten Dingen: von leicht gerösteten Pistazienflocken über weiße Schokolade bis hin zu indischen Gewürzen. Unnachahmlich ist der Nutella-Bridadeiro, der deutsche Genießer in Kindertage reisen lässt.

 

Reisen wird auch Juliana Motter bald, denn sie wurde nach Washington eingeladen, ins Weißen Haus. Als kulinarische Repräsentantin ihres Landes steht sie, steht Maria Brigadeiro, für DIE brasilianische Nachspeise.

So präsentiert die Erfinderin des Gourmet Brigadeiros die offizielle Nachspeise des hochklassigen Events im Finanzsektor und offeriert ihre ausnehmend schönen Pralinenschachteln, gefüllt mit den wohlschmeckendsten Brigadeiros, schließlich allen Teilnehmer als Give-away.

 

„Vielleicht wird sogar Präsident Obama einen Brigadeiro aus dem Hause Maria Brigadeiro probieren“, siniert Juliana Motter, die mit ihrem Lebensmittelingenieur und ihrem Chef-Pâtissier anreisen wird, um die Brigadeiros vor Ort frisch zuzubereiten. Die Verfügbarkeit der Rohstoffe ist gewährleistet. Nun muss nur noch das Visum eintreffen.

 

Und schon bald, da bin ich sicher, wird Maria Brigadeiro ihren kulinarischen Siegeszug antreten, denn ihr stylisches Geschäft mit seinen wundervollen Produkten passt hervorragend an die New Yorker Upper West Side, in den Prenzlauer Berg in Berlin oder an den Gärtnerplatz in München.

 

Post Scriptum: Als ich Maria Brigadeiro zuletzt besuchte, wollte ich an sich nur zwei kleine Schachteln mit Brigadeiros kaufen, für meinen Mann und für Cristina, meine frühere Kollegin und Freundin, eine Brasilianerin, die in der vergangenen Woche ihren Wohnsitz nach 21 Jahren in Deutschland nach São Paulo verlegt hat.

 

Aus diesem Einkauf wurde mein erstes Interview in dieser Stadt. Ein brasilianisches Erlebnis: Juliana Motter bot spontan an, mit mir zu sprechen, verwöhnte mich mit ihren köstlichsten Kreationen und schenkte mir zum Abschied eine riesige Brigadeiro-Box. Zusammen mit ihrem Geschäftspartner Marcello nahm sie sich mehr als eine Stunde Zeit, bis sie sich freundlich um 16.25 Uhr entschuldigte, denn beide hätten vor 16.00 Uhr zu einem Termin aufbrechen müssen.

 

Erschüttert, dass ich unwissend eine so gravierende Verspätung verschuldet hatte, bedauerte ich diese wortreich. Charmant lächelnd erklärte Juliana Motter sogleich: “We really enjoyed the pleasant conversation. That’s the Brasilian way!”