Sprachwunder mit heißen Kartoffeln im Mund

Noch fünf Stunden zuvor hatte ich nicht gewusst, dass ich um 18.00 Uhr an Gate 6 des Aeroporto de Congonhas sein würde, um nach Rio de Janeiro zu fliegen. Glücklich und voller Vorfreude auf ein verlängertes Wochenende an der Copacabana hatte ich gerade zwischen ernst dreinschauenden Geschäftsreisenden Platz genommen, als eine Gate-Änderung für meinen Flug durch den Lautsprecher dröhnte.

Wenige Meter nur trennten die Gates 6 und 4 und doch lagen Galaxien zwischen beiden Flugsteigen. Während an Gate 6 modische Tristesse und völlige Sprachlosigkeit geherrscht hatte, tauschten sich an Gate 4 stylische Geschäftsleute animiert über ihren Tag in São Paulo aus. Allenthalben waren die für die Bewohner Rio de Janeiros so typischen „sch“-Laute zu vernehmen.

 

Während ein Paulistano beispielsweise sein Wohlgefallen schriftlich wie mündlich schlicht mit den Worten “gosto mais” bekunden würde, sagt der Carioca gedehnt und eher getragen “goschto maisch”, für die Ohren meines Mannes ganz so, als habe der Sprechende eine heiße Kartoffel im Mund.

 

Sie ist mir vertraut, diese ganz eigene Sprachfärbung, durch den TV-Sender Rede Globo, dessen Hauptnachrichten und durch die “novela das nove”, die Telenovela um 21.00 Uhr, die mir zum Spracherwerb dienen. Ich lauschte dem regen Austausch der Fluggäste und ließ mich akustisch noch vor Reiseantritt an mein Ziel entführen.

 

Nicht nur ich schien mich auf die Stadt am Zuckerhut zu freuen. Als könnten sie es kaum erwarten, die Megacity endlich hinter sich zu lassen, durchwühlten mondäne Damen ihre Edelhandtaschen in Weekender-Größe nach Bordkarten und Reisedokumenten, als das Bodenpersonal gerade damit begonnen hatte, die Regeln zum Einstiegsprocedere bekanntzugeben.

 

In Rio de Janeiro angekommen, hieß es, keine Zeit zu verlieren, denn ich sollte meinen Mann zu einem Abendessen begleiten. Ich sprintete also, ganz nach den Anweisungen Sr. Rafaels, zum offiziellen Taxistand des Flughafens Santos Dumont.

 

Anscheinend hatte nicht nur ich den Rat erhalten, ausschließlich diese Taxis zu wählen. Gefühlte einhundert Meter lang war die Schlange, ganz zum Leidwesen meines Mannes, der mich telefonisch daran erinnerte, dass es sich um ein Abendessen mit (pünktlichen) Deutschen handele. Entsprechend dynamisch informierte ich den Taxifahrer über mein Ziel.

 

Offensichtlich hatte ich einen sprachlichen Punktsieg gelandet, denn sogleich begann der Taxifahrer ein Fachgespräch über die beste Route und den bevorstehenden Halbmarathon, was ihn glücklicherweise nicht davon abhielt, seine Rennfahrerqualitäten unter Beweis zu stellen. Ich hatte wirklich einen großartigen Taxifahrer erwischt und notierte mental, dass ich Sr. Rafael, meinen Taxifahrer in der Megacity, unbedingt berichten müsste, dass wirklich nicht alle Taxifahrer in Rio Halsabschneider seien.

 

Auch dass die Carioca brandgefährlich sind, kann ich nicht bestätigen. Ganz im Gegenteil. Noch im Kongresshotel meines Mannes kam ich zufällig mit einer Stadtführerin ins Gespräch, die, auf die Frage, ob sie meinem Mann und mir am kommenden Tag Santa Tereza und die Innenstadt zeigen könnte, bedauernd erklärte, dass sie bereits gebucht sei. Obwohl ihre aktuellen Kunden neben ihr auf ihre Tagesführung warteten, rief die engagierte Frau bei einer befreundeten Stadtführerin an, reichte den Hörer und wartete geduldig, bis alle Vereinbarungen getroffen waren.

 

An diesem ersten Tag würde ich die Strände von Copacabana und Ipanema entlang schlendern, denn statt des Häusermeers São Paulos lag nun der Atlantik vor der Haustür.

 

Während ich verzückt in die Wellen blickte, sprach mich, zum ersten Mal an diesem Tag, einer der rund 60.000 vendedores ambulantes, Straßenhändler, Rio de Janeiros an, die an mobilen Ständen oder „aus der Hand“ Waren und Dienstleistungen aller Art anbieten.

 

Erst wollte ich das kleine zahnlose Männchen schnell mit einem schlichten “obrigada” (danke) abbügeln. Noch dazu, da mich das Produkt – bunte Basecaps, auffällig bestickt mit dem Ort, an dem ich mich befand – nicht im Ansatz interessierte. Neugierig schaute der engagierte vendedor das Buch an, das ich gerade gelesen hatte und versuchte, darüber ins Gespräch zu kommen. In welcher Sprache ich denn lesen würde, wollte er wissen. Und, um sicherzustellen, dass ich seine Frage verstanden hatte, formulierte er sie sogleich zusätzlich souverän auf Englisch. Das sei ein deutsches Buch, erklärte ich verblüfft über den mehrsprachigen Straßenhändler, dessen Frage völlig korrekt gestellt gewesen war. Während ich noch über dessen außergewöhnlichen Sprachkenntnisse sinnierte, entgegnete er mir auf Deutsch: „Wissen Sie, dass Beckenbauer ein guter Freund von Pelé ist?“ Das wusste ich, nicht aber, dass Straßenverkäufer in Rio echte Sprachwunder sind. Der Mann parlierte weiter in fehlerfreiem Deutsch, wollte wissen, wo ich lebe. Als ich mich als Bewohnerin der Megacity zu erkennen gab, verfinsterte sich sein Gesicht: „São Paulo ist eine kalte Stadt“, erklärte er fast philosophisch und verlor damit das Interesse unserem Gespräch. „Ich wünsche Ihnen eine schöne Zeit in Rio.“ sagte er und verabschiedete sich. Unglaublich!

 

Wenig später sollte ich den zweiten Vertreter der Zunft kennen lernen, einen sympathischen Mann, der Musikinstrumente zum Verkauf anbot. Auf diesem Instrumente könne jeder musizieren, erklärte er auf Portugiesisch und legte, wie das Sprachwunder, sogleich auf Englisch nach. Als ich auf Portugiesisch antwortete, dass ich heute noch lange unterwegs sein würde und dass Instrument nicht den ganzen Tag mit mir herumtragen wollte, sagte er lösungsorientiert, dass er morgen wieder hier sein werde und verabschiedete sich höflich.

 

Den Folgetag verbrachten wir mit unserer Stadtführerin, einer Paulistana, wie sich anhand ihrer Aussprache schnell feststellen ließ. Die Leichtigkeit der Carioca hatte die ernsthafte und etwas ängstlich wirkende Frau, die vor Jahrzehnten von der Megacity in die Stadt am Zuckerhut gezogen war, wohl aber nicht verinnerlicht, denn sie bat uns, unsere Eheringe abzulegen. Das sei sicherer, erklärte sie, und entführte uns in das bezaubernde Santa Tereza. Klug war sie und beredt. Doch sie blieb Paulistana und ließ uns, als wir uns vor der legendären Confeitaria Colombo, einer prächtigen Konditorei, verabschiedeten und erklärten, dass wir später problemlos wieder ins Hotel fänden, nur ungern allein.

 

Wir hingegen schwelgten nicht nur in den süßen Genüssen der Confeitaria, sondern genossen einen weiteren Tag in Rio de Janeiro, wo “País Tropical”, das tropische Land, der Welthit von Jorge Ben, eines der bekanntesten Vertreter der Música Popular Brasileira, wirklich erfahrbar wird.