Von der Lust am Abenteuer (2)

Uma dica interessante: Compre o jornal “O Estado de São Paulo” de hoje e veja na ultima pagina do caderno “Metrópole” a matéria “Do Pacaembu ao Grajaú, dez tours revelam São Paulo” – Ein interessanter Tipp: Kauf die Zeitung “O Estado de São Paulo” von heute und sieh Dir auf der letzten Seite des Ressorts „Metropole“ den Bericht “Do Pacaembu ao Grajaú, dez tours revelam São Paulo” an, forderte mich meine Freundin eines Nachmittags per Kurzmitteilung auf.

Meine Neugier war geweckt, nicht zuletzt aufgrund des Wortes relevar: zeigen, aufdecken und enthüllen. Touren, die unbekannte Seiten der Megacity zeigen: Über dieses Angebot wollte ich mehr wissen. Nichts wie auf zum Kiosk, der im brasilianischen Portugiesisch als “banca (de jornais)” bezeichnet wird.

 

Begeistert verschlang ich den Artikel, wild entschlossen, an der ersten Tour, die am Folgetag stattfinden sollte, teilzunehmen. Als ich meine Freundin wenig später anrief, hatte die bereits mit einem der Organisatoren der urbanen Exkursionen gesprochen. „Stell Dir vor, derjenige, mit dem ich telefoniert habe, hat mich immer wieder mit filha, Tochter, angesprochen“, erklärte meine Freundin, eine Mittfünfzigerin, belustigt. Gespannt, was uns erwarten würde, verabredeten wir Treffpunkt und Uhrzeit für den kommenden Tag.

 

Wenn ich an einem Samstagmorgen pünktlich um 8.00 Uhr in der Innenstadt, dem Ausgangspunkt aller Touren sein wollte, müsste ich spätestens um 7.20 Uhr an der Bushaltestelle sein, dachte ich.

 

Doch die Megacity präsentierte sich menschenleer, was dazu führte, dass ich bereits um 7.40 Uhr vor Ort war, ebenso zeitig wie meine Freundin, die preußischste Brasilianerin, die ich kenne.

 

Fast eine Stunde blieb uns bis zum Start der Entdeckungsreise, über die wir, während wir durch die ausgestorbene Innenstadt mit ihrem leicht morbiden Charme schlenderten, philosophierten. Dass viele Paulistanos an dieser Tour in die Periferia teilnehmen würden, konnten wir uns beide nicht vorstellen, denn deren Interessenlage schätzten wir anders ein. Wir rechneten mit einem jungen, internationalen Publikum.

 

Als wir gegen 8.30 Uhr einmal mehr den Treffpunkt, das Restaurante Apfel in der Rua Dom José de Barros 99 passierten, wurde das vegetarische Lokal gerade aufgeschlossen. Wir ließen einige Minuten verstreichen, bis wir die Stufen in den ersten Stock hinaufstiegen, in der Hoffnung, dass bald weitere Teilnehmer eintreffen würden.

 

“Minha filha”, meine Tochter, so begrüßt der 58 jährige Carlos Beutel, meine Freundin auch persönlich. Wir plaudern kurz, bis sich der “homen agitado”, der rastlos wirkende Organisator, anderen Aufgaben widmete. Nach einiger Zeit finden sich die ersten Stadtentdecker ein. Wir sind überrascht. Nach drei jungen Frauen erscheinen einige elegante, gut gekleidete Herren zwischen 60 und 70 Jahren, Paare unterschiedlichen Alters und kultivierte und mondäne Damen in den besten Jahren, durchweg Paulistanos. Die Atmosphäre ist entsprechend brasilianisch – alle reden, genießen das exzellente, im Preis inbegriffene Frühstück, füllen Namensschilder aus oder bereiten ihre imposanten Spiegelreflexkameras auf die bevorstehende Tour vor, während ein Team des Senders TV Cultura erste Impressionen einfängt und einige der über dreißig Teilnehmer befragt.

 

Organisator Carlos Beutel, gleichzeitig Geschäftsführer des Apfel Restaurante, in dem wir uns am diesem Morgen zusammengefunden haben, ergreift das Wort, berichtet über sein Engagement zur Wiederbelebung der Innenstadt und über die Caminhada Noturna no Centro de São Paulo, an jedem Donnerstag veranstaltete kostenfreie nächtliche Erkundungstouren mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten. Luís Paulo Simardi, Co-Organisator und Geschäftsführer von Around SP, einem Tourveranstalter, beschreibt das bevorstehende Programm.

 

Dann die Überraschung: Carlos bittet die Teilnehmer darum, sich kurz vorzustellen und ihre Erwartungen an die Exkursion zu umreißen. Anfangen sollte Esther, die einzige deutsche Teilnehmerin.

 

Mir bleibt das Herz stehen. Vor all diesen Intellektuellen soll ich nun auf Portugiesisch sprechen. Als Carlos mich ermunternd ansieht, erhebe ich meine Stimme und erkläre mich. Nachdem ich ohne größere Patzer alle relevanten Angaben gemacht habe, stellen sich die übrigen Teilnehmer mit teils höchst interessanten Biographien und Motivationen vor. Selbst ein Vereandor, ein Stadtrat, befindet sich unter den Teilnehmern.

 

Grajaú, so stellte sich heraus, kennt außer mir keiner der Anwesenden. Dies, so erklärt Carlos, soll die Exkursionen ändern, denn es sei wirklich bedauerlich, dass viele Paulistanos über ihre Wohngegend hinaus nur wenige Barrios, Bezirke, der Megacity kennen.

 

Nachdem wir unsere Fahrkarten und ein Lunchpaket in einem Stoffrucksack erhalten hatten – alles zum unglaublichen Preis von R$ 30,00, umgerechnet € 11,55 – machten uns auf den Weg zur Metrô, zur Estação República.

 

Bereits nach wenigen Metern war ich im Gespräch mit zwei höchst informierten Herren, die mich gezielt zu Deutschland befragten. Sehr kurzweilig gestaltete sich auch die Fahrt nach Grajaú, denn ein Journalist wollte sich mit mir über die Medienlandschaft in meiner Heimat auszutauschen.

 

In Grajaú trafen wir schließlich auf den Künstler Mauro Neri, der fundiert über die Graffitiszene in der Megacity berichtete und uns über das 9º Encontro de Graffiti informierte. Die CPTM (Companhia Paulista de Trens Metropolitanos), vergleichbar mit der Berliner S-Bahn, wenn auch nicht im Ansatz so desolat wie diese, hatte den Grafiteiros vor Ort große Flächen zur künstlerischen Gestaltung zur Verfügung gestellt, an die diese in den kommenden zwei Tagen ihre Kunstwerke sprayen könnten.

 

Wir fotografierten, tauschten uns untereinander und mit den Künstlern aus, bei strahlendem Sonnenschein. Eine großartige Tour, der neun weitere folgen werden. Von der Periferia über den Nobelbezirk, von der Fußballtour bis zur Architek(tour).