Wie alles begann

„Komm, wir stellen uns an den Stehtisch dort drüben“, sagte ich zu meinem Mann, kurz nachdem wir das Foyer des Club Transatlântico betreten hatten.

In seiner Funktion als Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung sollte Dr. Peter Ramsauer als Gast der der Câmara Brasil-Alemanha de São Paulo, der Außenhandelskammer (AHK), im Club Transatlântico über deutsches Know-how für künftige Infrastrukturprojekte in Brasilien sprechen.

 

Dieser Mittagsvortrag war, etwas über vier Wochen nach meiner Ankunft, unser erster gemeinsamer offizieller Termin in der Megacity und wir waren beide mehr als gespannt, was uns erwarten würde.

 

Mein Mann war über die AHK-Unternehmensmitgliedschaft eingeladen und ich hatte mich, nachdem ich die AHK etwa zehn Tage zuvor erstmals besucht hatte, um mich beruflich zu orientieren, über die Pressestelle der Kammer akkreditieren lassen.

 

Auf dem Stehtisch legte ich die Pressemappe ab und lies meinen Blick durch das Foyer streifen, das sich langsam füllt. „Kennst Du irgendjemanden?“, fragte ich meinen Mann, der ebenfalls die Anwesenden studierte. „Nein“, antwortete der. „Es könnte sein, dass unser Berater hier ist, doch bislang habe ich ihn noch nicht gesehen“, erklärte er weiter.

 

Komisch, wirklich komisch, keinen Menschen zu kennen, dachte ich, denn in Berlin kannte ich immer irgendjemanden, ob unter den Gästen oder den Medienvertretern.

 

Plötzlich, wie im Sciencefiction-Film, materialisierte sich ein großgewachsener Mann vor uns, der meinem Mann freundschaftlich und ohne Vorwarnung die Schulter klopfte. „Neulinge! Das sehe ich sofort. Wer sind Sie denn?“, fragte der Hüne, der sich als Sönke Böge vorstellte, neugierig. Nach Sekunden der Sprachlosigkeit erklärten wir uns dem engagierten Netzwerker, der wenig später so unvermittelt entschwand, wie er erschienen war.

 

„Was für eine Begegnung“, sinnierte ich, doch bevor wir uns darüber austauschen konnten, erspähte mein Mann den Berater seines Unternehmens, der sich unserem Stehtisch näherte. Ob wir bereits ein Apartment oder ein Haus gefunden hätten, wollte der charmante Berater wissen und was ich für Pläne hier in unserer neuen Heimat hätte.

 

Während wir parlierten, kehrte der Netzwerker plötzlich zurück. An seiner Seite ein zurückhaltender, sympathischer Mann. „Das ist Klaus Dormien“, erklärte der Netzwerker, „er ist Geschäftsführer der Brasil-Post, der deutschen Wochenzeitung hier. Für den müssen Sie schreiben“, sagte er energisch. „Klaus, das ist die Journalistin, die ich eben kennen gelernt habe“, erklärte er dem verdutzt dreinblickenden Zeitungsmann.

 

Während sich der Netzwerker dem Berater, den er erwartungsgemäß auch kannte, und meinem Mann zuwandte, zückte der Brasil-Post-Geschäftsführer seine Visitenkarte. „Herr Böge ist ein treuer Freund unserer Zeitung. Die Journalistin und der Zeitungsmann: Die musste er einfach zusammenbringen. Natürlich müssen nicht Sie für die Brasil-Post schreiben, auch wenn mich dies sehr freuen würde“, erklärte er mit beruhigendem Unterton.

 

Bevor wir das Thema vertiefen konnten, wurden die Türen des Veranstaltungssaals geöffnet. Während die Menschen hineinströmten, bot sich Klaus Dormien an, mich zu begleiten. Das träfe sich gut, denn ich sei akkreditiert und würde an einem Pressetisch sitzen. „Sie können sich auch zu ihrem Mann setzen“, erklärte der Routinier, „die Regeln sind hier nicht so streng“, führte er aus. Doch ich zog den Pressebereich vor, schon um das Gespräch zu vertiefen.

 

Es war ein gutes Gespräch gewesen, mit vielen Hintergrundinformationen zur deutschen Community in der Megacity, ja im ganzen Land, an das ich aufgrund der fieberhaften Suche nach einem Apartment erst Ende April anknüpfen konnte.

 

Wieder war eine Einladung eingetroffen. Noch nicht wirklich über die hiesigen Gepflogenheiten orientiert, entschloss ich mich, den Zeitungsmann zu kontaktieren, immerhin schien er exzellent im Bilde zu sein. „Ich hätte einige Fragen an einen ‚alten Hasen‘, der die Gepflogenheiten hier in São Paulo kennt“, schrieb ich und bat ihn, mich bei Gelegenheit, einmal anzurufen, was er wenig später auch tat. Einfach toll, dass er sich so viel Zeit genommen hat, um mir unsere neue Welt zu erklären, dachte ich nach dem Telefonat. Ohne seine nützlichen Hinweise wäre unser erster Fauxpas in der Megacity vorprogrammiert gewesen.

 

„Vielleicht kann ich wirklich einmal etwas für die Brasil-Post schreiben, nicht zuletzt, um mich erkenntlich zu zeigen“, warf ich in den Raum, als ich meinen Mann über das Telefonat und dessen Inhalte informierte. „Ich könnte die Berichte aus São Paulo, die ich ohnehin nach Deutschland schicke, etwas modifizieren und daraus eine Kolumne machen – São Paulo entdecken – Erlebnisse eine Newcomerin könnte sie heißen“, erläuterte ich. „Klingt gut, bis auf die “Newcomerin”, aber wenn Dir der Begriff gefällt“, entgegnete mein Mann.

 

Fünf Tage später schickte ich Klaus Dormien meine erste Kolumne, auf den Tag genau 12 Wochen nach meiner Ankunft in der Megacity, über meine Erfahrungen mit dem öffentlichen Nahverkehr.

 

Länger hörte ich nichts, bis am 19. Mai eine kurze Mail eintraf mit der gesetzten Zeitungsseite der Ausgabe, die am darauffolgenden Tag erscheinen würde.

 

Am 29. Juli erhielt ich meinen ersten Leserbrief. Nachdem ich in der Kolumne „Herr, lass es Geduld vom Himmel regnen“, auf die sich der Brief bezog, frustriert über die Unzuverlässigkeit von Handwerkern und Dienstleistern berichtet hatte, erhielt ich ein wahres Durchhalteschreiben in einer Zeit, in der ich dies sehr gut gebrauchen konnte, denn die Phase um den Einzug in unser Apartment war nicht ohne.

 

Ein zweiter Leserbrief traf im Oktober ein, ohne Bezug auf eine spezielle Kolumne, dafür mit einer schmeichelhaften Überschrift. „Wunderschön das alles, interessant, lustig, unterhaltsam“, schrieb eine Leserin, die feststellte, dass es „richtig interessant wird, wenn sich das Newcomer-Staunen gelegt hat“ und ich „mit der Entdeckungsreise fortfahre…weiter…tiefer…“. Recht hat sie, die Leserin, auch wenn ich schon das ein oder andere Mal um Themen ringe und mich frage, ob der Kolumnentitel nach mittlerweile 18 Monaten noch passt.

 

Sehr gefreut hat mich auch der erste Leserbrief eines männlichen Lesers, der im Juli 2012, als eine Ausgabe ohne die Kolumne erschienen war, deren Fehlen bemerkte.

 

P.S.: Danke, lieber Sönke Böge!