Die Journalistin und der Zeitungsmann

Im Foyer des Club Transatlântico traf ich ihn zum ersten Mal – Ende März 2011. In seiner damaligen Funktion als Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung war Dr. Peter Ramsauer als Gast der der Câmara Brasil-Alemanha de São Paulo, der Außenhandelskammer (AHK), in den Club Transatlântico gekommen, um über deutsches Know-how für künftige Infrastrukturprojekte in Brasilien sprechen.

 

Es war unser erster offizieller Termin in der Megacity São Paulo. Ich ließ meinen Blick durch das Foyer streifen, das sich langsam füllt. „Kennst Du irgendjemanden?“, fragte ich meinen Mann, der ebenfalls die Anwesenden studierte. „Nein“, antwortete der. Komisch, wirklich komisch, keinen Menschen zu kennen, dachte ich, denn in Berlin hatte ich immer irgendjemanden, ob unter den Gästen oder den Medienvertretern, gekannt.

 

Plötzlich, wie im Sciencefiction-Film, materialisierte sich ein großgewachsener Mann vor uns, der meinem Mann freundschaftlich und ohne Vorwarnung die Schulter klopfte. „Neulinge! Das sehe ich sofort. Wer sind Sie denn?“, fragte der Hüne, der sich als Sönke Böge vorstellte, neugierig. Nach Sekunden der Sprachlosigkeit erklärten wir uns dem engagierten Netzwerker, der wenig später so unvermittelt entschwand, wie er erschienen war.

 

Nach einer Weile kehrte er zurück. An seiner Seite ein zurückhaltender, sympathischer Mann. „Das ist Klaus Dormien“, erklärte der Netzwerker, „er ist Geschäftsführer der Brasil-Post, der deutschen Wochenzeitung hier. Für den müssen Sie schreiben“, sagte er energisch. „Klaus, das ist die Journalistin, die ich eben kennen gelernt habe“, erklärte er dem verdutzt dreinblickenden Zeitungsmann. Ich war ihm begegnet, dem Menschen, der mein Leben in der Megacity nachhaltig verändern würde und mit dem ich auch nach meiner Rückkehr nach Deutschland eng verbunden blieb.

 

Während sich der Netzwerker anderen Anwesenden zuwandte, zückte der Brasil-Post-Geschäftsführer seine Visitenkarte. „Herr Böge ist ein treuer Freund unserer Zeitung. Die Journalistin und der Zeitungsmann: Die musste er einfach zusammenbringen. Natürlich müssen nicht Sie für die Brasil-Post schreiben, auch wenn mich dies sehr freuen würde“, erklärte er mit beruhigendem Unterton. 

 

Bevor wir das Thema vertiefen konnten, wurden die Türen des Veranstaltungssaals geöffnet. Während die Menschen hineinströmten, bot sich Klaus Dormien an, mich zu begleiten. Das träfe sich gut, denn ich sei akkreditiert und würde an einem Pressetisch sitzen. „Sie können sich auch zu ihrem Mann setzen“, erklärte der Routinier, „die Regeln sind hier nicht so streng“, führte er aus. Doch ich zog den Pressebereich vor, schon um das Gespräch zu vertiefen.

 

Es war ein gutes Gespräch gewesen, mit vielen Hintergrundinformationen zur deutschen Community in der Megacity, ja im ganzen Land, an das ich aufgrund der fieberhaften Suche nach einem Apartment erst Ende April anknüpfen konnte.

 

Wieder war eine Einladung eingetroffen. Noch nicht wirklich über die hiesigen Gepflogenheiten orientiert, entschloss ich mich, den Zeitungsmann zu kontaktieren, immerhin schien er exzellent im Bilde zu sein. „Ich hätte einige Fragen an einen ‚alten Hasen‘, der die Gepflogenheiten hier in São Paulo kennt“, schrieb ich und bat ihn, mich bei Gelegenheit, einmal anzurufen, was er wenig später auch tat. Einfach toll, dass er sich so viel Zeit genommen hat, um mir unsere neue Welt zu erklären, dachte ich nach dem Telefonat. Ohne seine nützlichen Hinweise wäre unser erster Fauxpas in der Megacity vorprogrammiert gewesen.

 

„Vielleicht kann ich wirklich einmal etwas für die Brasil-Post schreiben, nicht zuletzt, um mich erkenntlich zu zeigen“, warf ich in den Raum, als ich meinen Mann über das Telefonat und dessen Inhalte informierte. „Ich könnte die Berichte aus São Paulo, die ich ohnehin nach Deutschland schicke, etwas modifizieren und daraus eine Kolumne machen – São Paulo entdecken – Erlebnisse eine Newcomerin könnte sie heißen“, erläuterte ich. „Klingt gut, bis auf die “Newcomerin”, aber wenn Dir der Begriff gefällt“, entgegnete mein Mann.

 

Fünf Tage später schickte ich Klaus Dormien meine erste Kolumne, auf den Tag genau 12 Wochen nach meiner Ankunft in der Megacity, über meine Erfahrungen mit dem öffentlichen Nahverkehr. Länger hörte ich nichts, bis am 19. Mai 2011 eine kurze Mail eintraf mit der gesetzten Zeitungsseite der Ausgabe, die am darauffolgenden Tag erscheinen würde.

 

Jede Woche schickte ich Klaus eine neue Kolumne über meine Erlebnisse aus der Megacity, die er stets engagiert kommentierte. Er habe sehr gelacht, sagte er oft. „So sind sie, die Brasilianer“, erklärte er ein ums andere Mal amüsiert über meine immer wieder einmal auftretende kulturelle Irritation.

 

Im Herbst 2012, am 28. September, erschien die letzte Brasil-Post. 62 Jahre bestand die brasilianische Wochenzeitung in deutscher Sprache. „52 Jahre, so schrieb Ursula Dormien in der letzten Ausgabe in ihrem Leitartikel, „habe ich, zuerst als Redakteurin und dann als Herausgeberin – davon die letzten 22 Jahre mit tatkräftiger Hilfe meines Sohnes Klaus-Dieter, der 1992 eine Modernisierung der Zeitung mit allem Drum und Dran finanzierte bzw. durchführte – unsere Brasil-Post getreu der bei der Gründung gesetzten Zielsetzung, allen Schwierigkeiten trotzend und letztendlich oftmals mit substantieller Unterstützung wahrer Freunde, dem Leserkreis erhalten. Eine große Leistung von Ursula Dormien und von Klaus, der lange gekämpft hatte, um das Lebenswerk seiner Mutter zu retten.

 

Wir blieben einander verbunden und tauschten uns weiter regelmäßig aus. Klaus bleib mein Berater und persönlicher Kulturvermittler. Ob bei deftiger deutscher Küche im Restaurant des Club Transatlântico, in dem Klaus ein und aus ging, bei dortigen Kulturveranstaltungen und Highlights wie der Präsentation des Buchs „Pressekommentare aus den letzten 15 Jahren“ von Eckhard Ernst Kupfer im Jahr 2012, der Lesung von Dr. Klaus Paulus im Jahr 2013 oder in der Residenz des deutschen Generalkonsuls: Klaus war nicht nur dabei. Für mich persönlich war er das Herz der deutschen Community, auch wenn er den Begriff nicht sehr mochte.

 

Bevor wir im Dezember 2014 nach Deutschland zurückkehrten, war ich Gast in seinem Paradies in Cajamar. Er besuchte mich am 28. Mai 2017 in unserem neuen Zuhause in Berlin. Zuletzt sahen wir uns am Samstag, ‎23. ‎September ‎2017 im Restaurante Feijoada da Lana in einer Brasil-Post-Runde – mit Ursula Dormien, Dr. Klaus Paulus und Eckhard Kupfer – und Klaus‘ Ehefrau Rita Helena Bröckelmann, Angelika Paulus, Eckhard Kupfers Lebensgefährtin und meinem Mann. Klaus hatte dieses wundervolle Treffen mit mir organisiert und war auch hier der Dreh- und Angelpunkt.

 

Mit bewegenden Worten tröstete mich Klaus nach dem Tod meines Vaters im Dezember 2018: „Traurig, traurig, aber der liebe Gott hat ihn bestimmt unter seine Arme genommen und nun ruht er in Ewigkeit. Sei stark, ich weiß es ist nicht leicht. Ich habe meinen Vater mit 24 Jahren verloren, der Boden war auf einmal nicht mehr da. Sie sind immer eine Stütze, allein vom nur da sein!“

 

Nun muss ich mich von Dir verabschieden, lieber Klaus, in dieser ersten Kolumne seit meinem Abschied aus Brasilien. Ich bin gewiss, dass der liebe Gott auch Dich in seine Arme genommen hat. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Sylvia Bartsch (Montag, 30 März 2020 13:16)

    Die enge profissionele Verbindung, und was man daraus gelernt hat bleibt in ewiger Erinnerung.